Projekt "Am Oktogon"

Adlershof ist für Berlin nach Aussage der Wista-Management GmbH ein wichtiger Wissenschafts-, Wirtschafts- und Medienstandort. Entsprechend groß ist die politische Unterstützung durch das Land Berlin beim Ausbau dieses Stadtteils.

Werbetafel in Berlin Adlershof "Am Oktogon": "Bis zu 50 % Mietreduktion durch staatliche Förderung."

Das Engagement des Landes wird beispielhaft am Projekt "Am Oktogon" deutlich, das von der Immobilien-Experten-AG entwickelt wurde und bebaut werden soll. Entsprechend wurde das Projekt in Szene gesetzt und beworben.

 

Offenbar wurden im Mai 2013 noch Mieter gesucht. Plakativ wurde mit "bis zu 50 % Mietreduktion durch staatliche Förderung" geworben.

Ursprüngliche Planung

Ursprünglich wurde als "Realisierungszeitraum" Januar 2010 bis April 2013 genannt. Die Berliner Woche berichtete:

 

Während die alte Halle saniert und mit moderner Haustechnik ausgestattet wurde, werden in den kommenden drei Jahren entlang der Rudower Chaussee und der Herrmann-Dorner-Allee insgesamt 13 Neubauten, darunter Bürogebäude und Hallen entstehen. Insgesamt investiert die immobilien-experten-ag rund 60 Millionen Euro. [...]

 

Seine geplante Größe wird das Solarkraftwerk erst mit Realisierung der Neubauten erreichen. Bis 2013 soll alles fertig sein, dann wird die Anlage pro Jahr rund 820 Megawattstunden Solarstrom erzeugen. (Berliner Woche, Berlins größtes Solarkraftwerk, 1.12.2010)

 

Weiter behauptete die Berliner Woche, dass das neue Werk der Soltecture GmbH einen Jahresausstoß von 35 MW erbringen würde:

 

Die neue Werkhalle an der Rudower Chaussee [tatsächlich gemeint ist der Groß-Berliner Damm] verlassen inzwischen jedes Jahr Solarmodule mit einer Gesamtleistung von 35 MW. (Berliner Woche, Berlins größtes Solarkraftwerk, 1.12.2010)

 

Dies war jedoch eine Falschmeldung. Die Jahreskapazität betrug höchstens 20 MW, tatsächlich gefertigt wurden 2010 und 2011 nur geringe Mengen im Bereich von 3 bis 4 MW pro Jahr.

Projektstand Mai 2013

Eingerüstetes Gebäude B1 am 29.5.2013

Von den geplanten 7 Bürobauten und 6 Mehrzweckhallen stand im Mai 2013 jedoch erst das Gebäude B1. Am 20.3.2013 war Richtfest gefeiert worden.

 

Der Generalunternehmer, die Firma Vollack, sollte die 4 Etage beziehen. Für 2 der restlichen 3 Etagen wurden zu dem Zeitpunkt noch Mieter gesucht.

 

Das Bild rechts zeigt den Projektzustand am 29.5.2013. Das Gebäude B1 ist noch eingerüstet, davor die freie Fläche war angeblich für die weiteren Gebäude B2, B3, B4 und für den "Solar-Tower" B5 vorgesehen. Von größeren Bauaktivitäten war an diesem Tag auf dem gesamten Gelände nichts zu bemerken. Es waren auch keinerlei größere Baumaschinen wie Bagger oder Kräne zu sehen.

Einsatz von Solarmodulen der Firma Soltecture

Zentrales Element des Grundstücks ist eine 50 Jahre alte Produktionshalle, deren Sheddach mit Solarmodulen belegt wurde. Damit sollte das Gebäude ein "technologisch-orientiertes Gepräge und ein standortadäquates Image" erhalten, wie der Vorstand der Immobilien-Experten-AG Rolf Lechner anlässlich der Inbetriebnahme der Solaranlage in einer Rede erläuterte.

Sheddachhalle mit Solarmodulen der Firma Soltecture

Nebenstehend abgebildet ist eine Ansicht des ersten Sheds der Fabrikhalle am 29.5.2013. Ob die schwarzen Modulen, die schlicht auf das Dach aufgelegt wurden, ein "standortadäquates Image" verbreiten, das mag unterschiedlich beurteilt werden. Jedenfalls war diese Investition ursprünglich nicht geplant, wie Lechner ergänzte. Offenbar wurde darüber kurzfristig entschieden. Erst im Sommer 2010 war die Finanzierung in Höhe von 1,3 Mio. Euro sichergestellt worden.

 

Wie in einer Pressemitteilung ausgeführt wird, verfügte die Solaranlage mit ihren 6916 Modulen über eine Nennleistung von 410 KW. Damit lagen die Anlagenkosten bei 3,17 Euro je Watt. Der Preis scheint sehr hoch, auch weil die Montage der Module denkbar einfach war. Es wurde keinerlei Aufständerung benötigt. Die Module wurden einfach auf senkrecht angeordneten Holzlatten auf den Sheds befestigt.

 

Es wird nicht ersichtlich, warum man sich in diesem Fall für Module Soltectures entschieden hatte.

Finanzierung durch die Deutsche Bank

In oben erwähnter Rede bedankte sich Lechner zwar bei einigen Beteiligten, ein wichtiger Projektpartner blieb jedoch ungenannt. Erst ein Blick in ein teilweise als "Confidential" gekennzeichnetes Dokument der Firma Soltecture offenbart, dass die Finanzierung der Solaranlage von der Deutschen Bank sicher gestellt worden ist.

 

Es ist nicht ersichtlich, warum die Deutsche Bank hier eine Finanzierungszusage gegeben hat. Als Hausbank Soltectures war die Deutsche Bank umfassend informiert. Ebenso war die Deutsche Bank hinsichtlich der Branchenentwicklung im Bilde. Sicher waren der Deutschen Bank auch die marktüblichen Preise bekannt.

 

Photovoltaik-Guide veröffentlicht regelmäßig einen "PV-Preisindex". Demnach lagen die Nettopreise Ende 2010 für schlüsselfertige Solaranlagen bis 100 kWp bei 2500,- Euro je kWp. Im Fall "Am Oktogon" wären weitere Preisabschläge für die Anlagengröße (über 100 kWp) und die einfache Montage ohne Aufständerung zu berücksichtigen gewesen. Außerdem lagen die Preise für Dünnschichtmodule deutlich unter den Preisen für waferbasierte Module.

 

Der Photovoltaik-Guide Preisindex gilt für kleinere Anlagen bis hinunter zu Anlagen im einstelligen kWp Bereich für Wohnhäuser. Inzwischen (2013) dürften die Preise für größere Anlagen mit mehreren hundert kWp im Bereich von 1000,- Euro je kWp und darunter liegen.

 

Letztlich hätte sich ein Preis von sehr deutlich unter 1 Mio. Euro für die 410 kWp Anlage "Am Oktogon" ergeben müssen. Wie die Differenz zum angegebenen Preis von 1,3 Mio. Euro zu erklären ist und warum die Deutsche Bank diesem überhöhten Preis zugestimmt hat, ist nicht nachvollziehbar.

Projektstand am 28.9.2013

Am 28.9.2013 war das Gebäude B1 fertig gestellt. Weitere Bauaktivitäten waren nicht erkennbar.

 

Offensichtlich hatte die Firma Vollack das Gebäude B1 bezogen. Abgesehen davon war mit der Firma art photonics GmbH nur ein weiterer Mieter eingezogen. Laut Homepage war art photonics nicht weit entfernt in der Schwarzschildstr. 6 ansässig.

 

Laut einer Werbetafel wurden weitere Mieter gesucht:

 

Vermietung Bürogebäude B1: Büros / Labors / Showroom ab 200 qm - Bezug ab Juli 2013 - Bereits 60 % vermietet.

 

Dem Eindruck nach standen jedoch noch weit mehr als 40 % des Gebäudes leer.

 

Auffällig war außerdem, dass die Außentür zu einem Betriebsraum offen stand, obwohl sich an diesem Samstag gegen 18 Uhr niemand in der Nähe aufhielt.

Offene Fragen

Im Zusammenhang mit dem Projekt und der Solaranlage "Am Oktogon" drängen sich einige Fragen auf:

 

  1. Warum hatte man sich in diesem Fall überhaupt kurzfristig für eine PV-Anlage entschieden?
  2. Auf Anfrage wollte der Vorstand der Immobilien-Experten-AG Lechner sich nicht zur Beauftragung der Firma Soltecture äußern. Die Allgemeinhat hat jedoch einen Anspruch darauf zu erfahren, wie darüber entschieden wurde, die Firma Soltecture als Lieferant der Module auszuwählen.
  3. 2010 war für Soltecture ein sehr schlechtes Jahr, es wurden nur Module mit einer Leistung von maximal 4,5 MW produziert. Allein Kunden in Indien und China hatten angeblich Module mit einer Gesamtleistung von 16 MW geordert. Weitere Verpflichtungen kamen hinzu. Wie konnte Soltecture angesichts dieser Umstände überhaupt Module im Volumen von 0,41 MW für das Projekt "Am Oktogon" liefern?
  4. Wie erklärt sich der sehr hohe Preis der Anlage?
  5. Als Hausbank Soltectures war die Deutsche Bank bestens über die Situation der Firma und die Qualität der Module informiert. Wie kommt es, dass die Deutsche Bank dennoch eine Finanzierungszusage gegeben hat?
  6. Inwiefern und ggf. in welcher Höhe wurde die Solaranlage vom Land Berlin oder anderen öffentlichen Geldgebern bezuschusst?

 

Von einer politischen Einflussnahme ist in diesem Fall auszugehen.

22.5.2013 / Letzte Änderung: 30.9.2013

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Typologie der Herstellungsverfahren für Solarmodule

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