Sebastian Heiser

Uli Hoeneß, der bekanntlich für Steuerhinterziehung in zweistelliger Millionenhöhe verurteilt wurde, ist seit November 2016 wieder Präsident des FC Bayern. Er ist beliebt wie eh und je. Nichts spricht dagegen, dass Hoeneß sich demnächst mit Putin verabreden könnte, um von Präsident zu Präsident über den Weltfrieden zu sprechen und dabei eine Bratwurst zu essen.

 

Karl-Theodor zu Guttenberg ist tief gefallen, nachdem ihm Unregelmäßigkeiten in seiner Doktorarbeit nachgewiesen und ihm der Titel aberkannt wurden. Aber auch zu Guttenberg ist längst wieder auf dem Weg nach oben und bringt sich in Stellung für höhere Aufgaben.

 

Andere sind grundlos in Bedrängnis geraten, konnten sich immerhin aus größten Schwierigkeiten wieder herausarbeiten. Man denke an Jörg Kachelmann, der ein Vergewaltiger sein sollte, inzwischen jedoch rehabilitiert ist und eine Schadenersatzklage nach der anderen gewinnt.

 

Einer der spektakulärsten Justizopfer der letzten Zeit ist Gustl Mollath. Doch auch ihm ist die Rehabilitierung gelungen. Dabei wurde Mollath auch von den Medien geholfen. Eine Schlüsselrolle übernahm der Nordbayerische Kurier.

 

Die Beispiele könnten so gedeutet werden: Wer in Deutschland keine Unterstützung erhält, der muss wirklich Fürchterliches angestellt haben. Zu denen, die wohl keine Chance auf Rehabilitierung haben, zählt Sebastian Heiser. Was soll er verbrochen haben? Er soll in der Redaktion der taz einen Keylogger, ein kleines elektronisches Gerät, von einem Computer abgezogen haben. Das ist tatsächlich alles, was ihm möglicherweise vorzuwerfen ist. Wahrscheinlicher scheint allerdings, dass er noch nicht einmal dies getan hat oder dass der Polizei gar nicht das Gerät übergeben wurde, das Heiser in der Hand hatte. Aber Details werden wohl nie zu klären sein. Denn die Ermittler hatten nicht einmal Zugang zum angeblichen Tatort. Der wurde ihnen verweigert. Somit konnten die von der taz behaupteten Vorgänge nicht einmal ansatzweise überprüft werden.

 

Dennoch haben einige Behauptungen ausgereicht, Heiser durch eine Medienkampagne vorzuverurteilen. Es folgten die Kündigung und die strafrechtliche Verurteilung. Eine Verteidigung durch den Anwalt Carsten Hoenig fand nicht statt. Überliefert ist nur, dass Hoenig zwei von Heisers Kollegen von der taz für ihre Berichterstattung in eigener Sache gelobt hat.

 

Dies alles geschah im Übrigen in Abwesenheit Heisers. Das letzte authentische Lebenszeichen stammt vom 18.2.2015, dem Tag der angeblichen Enttarnung eines Spions in der taz Redaktion. Heiser soll die Vorwürfe bestritten haben, weiter hat er sich gegen die Vernichtung seiner Existenz bis heute nicht gewehrt. Angeblich hat er der taz vorab sogar zugesichert, gegen eine Kündigung nicht arbeitsrechtlich vorzugehen.

 

Nach seiner "Enttarnung" soll Heiser in eine "Großstadt in Südostasien" ausgewandert sein, um von da an als "Freelancer für ein großes Internetunternehmen" zu arbeiten. Dazu soll er wie ein feiger Kleinkrimineller unter einem Decknamen ein Facebook-Account angelegt und mit dem Foto eines Londoner Programmierers ausgestattet haben.

 

Nach allem was sich in Erfahrung bringen lässt ist jedoch unbestreitbar, dass eben jene Person, von der soeben die Rede war, kein verrückter Kleinkrimineller ist, der sein Leben weggeworfen hat, sondern ein erfahrener, engagierter und unbestechlicher Journalist. Heiser soll dazu auch selbst zu Wort kommen:

 

"Ich will schreiben dürfen, was Sache ist. Im Idealfall also die Wahrheit, zumindest aber die Annäherung daran nach bestem Wissen und Gewissen." (Sebastian Heiser, 17.2.2015)

 

Wer nun diese Schilderung für eine groteske Märchenerzählung hält, eine Geschichte, die sich in einem Rechtsstaat natürlich niemals wie geschildert zutragen könnte, der sei auf die nachfolgende Übersicht verwiesen.

Chronologie

Datum Zeit Vorgänge
2007
27.4.   Heisers letzter Tag bei der Süddeutschen Zeitung in der Beilagenredaktion. Er arbeitete dort seit Januar und war für Finanzthemen zuständig.
2008
    Ab 2008 arbeitet Heiser als angestellter Redakteur für die taz. Bis 2015 wird die taz über 1300 Beiträge Heisers veröffentlichen.
2010
    Heiser wird als Newcomer des Jahres ausgezeichnet.
2015
16.2.  

Heiser beginnt mit der Berichterstattung über seine frühere Tätigkeit für die SZ:

1. SZ-Bericht Heisers: SZ-Leaks: Schleichwerbung für Steuerhinterziehung

17.2.  

2. SZ-Bericht Heisers: Gute Frage

In einem Interview, das im Internet nicht mehr abrufbar ist, erklärte sich Heiser dazu ausführlich. Für die SZ weist Wolfgang Krach die Ausführungen Heisers zurück.

    Bei der taz entdeckt ein EDV-Mitarbeiter angeblich zufällig einen Keylogger an einem Redaktionscomputer. Die Techniker der taz öffnen das Gerät und werten die Daten aus (Quelle: taz/23.2.15).
18.2.  

3. SZ-Bericht Heisers: Habe ich "über angebliche Verstöße nicht informiert"?

  10:42

Letzter Kommentar Heisers auf seiner Seite und im Internet. Die Berichterstattung über die SZ bricht damit ab.

  12:00

Heiser wird in der taz Redaktion angeblich dabei beobachtet, wie er den Keylogger an sich nimmt. Kurz darauf verlässt er das Gebäude (Quelle: taz/23.2.15). Wahrscheinlich sucht Heiser direkt anschliessend den Anwalt Carsten Hoenig auf und übergibt ihm das Mandat zu seiner Vertretung.

19.2.  

Angeblich wurde in der Nacht in das taz-Gebäude eingebrochen (Quelle: taz/23.2.15). Heiser wird in der Folge mehrfach als möglicher Einbrecher genannt. Der Vorfall wurde bisher nicht aufgeklärt.

20.2. 05:45

In einer Nachricht an die Chefredakteurin bestreitet Heiser alle Vorwürfe (Quelle: taz/4.6.16).

   

Beginn der Diffamierungen Heisers durch BZ, NDR, Tagesspiegel, Welt und andere, die ihre "Informationen" offenbar ausschließlich von der taz erhalten haben.

   

Die taz selbst wollte sich noch nicht äußern.

22.2.  

In einer Mail soll Heiser angekündigt haben, "gegen eine mögliche Kündigung nicht arbeitsrechtlich vorzugehen" (Quelle: taz/4.6.16).

23.2. 12:30

Zu einem von der taz angesetzten Gespräch erscheint Heiser nicht (Quelle: taz/4.6.16).

   

Nun beschuldigt auch die taz ihren Redakteur namentlich in einem Editorial von Ines Pohl und Andreas Rüttenauer und mit einer Chronologie.

   

Der Anwalt Markus Kompa diffamiert Heiser mit einem Beitrag für Telepolis, offenbar ohne selbst beim Betroffenen eine Stellungnahme angefragt zu haben.

24.2.  

Volker Lilienthal kritisiert Heiser in einem Interview für die FAZ und unterstellt ihm mögliche erpresserische Motive.

   

Silke Burmester ist in einem Beitrag für die taz als offenbar einziger Kollegin aufgefallen, dass Heiser durch die Berichterstattung massiv vorverurteilt worden ist.

25.2.  

Hardy Prothmann zeigt mit einem überlegten und intelligenten Beitrag zur Sache was Journalismus ist und zu leisten vermag.

26.2.  

Neun Tage nach der Entdeckung übergibt die taz den Keylogger an die Polizei und erstattet Anzeige. Die Ermittler erhalten aber keinen Zugang zu den Redaktionsräumen (Quelle: taz/4.6.16).

   

Robin Alexander legt für die Welt gegen Heiser nach.

   

Wolfgang Michal spricht auf seiner Seite wie schon Volker Lilienthal von möglichen erpresserischen Motiven Heisers und erweckt den Eindruck, den Fall schon abschließend beurteilen zu können. Der Bericht endet mit einer beispiellosen Verhöhnung des Kollegen, der sich in existenziellen Schwierigkeiten befand, was sicher auch Michal nicht entgangen war.

27.2.  

Jan Feddersen beklagt für die taz einen "Vertrauensbruch" und eine "kollegiale Erschütterung".

2.3.  

Im Ausland wird Heiser vom Guardian als mutmasslicher Spion vorgestellt.

19.3.  

Die taz veranstaltet eine sehr merkwürdige Debatte mit Ines Pohl, Constanze Kurz, Lutz Tillmanns, Volker Lilienthal und Ulf Poschardt.

20.3.  

Anne Fromm berichtet weiter für die taz und gegen Heiser über die Podiumsdiskussion vom Vortag.

27.3. 06:15 Eine Durchsuchung von Heisers Wohnung in dessen Abwesenheit verläuft ergebnislos (Quelle: taz/4.6.16).
2016
    Die taz behauptet, den Aufenthaltsort Heisers ermittelt zu haben. Die Redakteure Martin Kaul und Sebastian Erb wollen ihn zusammen mit dem Fotografen Karsten Thielker an einem "Tag Ende April 2016" aufgesucht haben (Quelle: taz/4.6.16).
4.6.   Die taz will die Keylogger-Affäre aufgearbeitet haben. Die Chefredaktion (Georg Löwisch, Katrin Gottschalk, Barbara Junge, Jörn Kabisch) berichtet. Kaul und Erb veröffentlichen eine Zusammenfassung einschließlich eines völlig unglaubwürdigen Reiseberichts.
8.6.   Katrin Gottschalk veröffentlicht für die taz eine Nachbetrachtung, noch bevor irgendetwas wirklich untersucht oder aufgeklärt wurde.
17.6.   Die taz veröffentlicht einen Beitrag von Lou Zucker, einer angeblich Betroffenen.
28.10.   Laut taz soll die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Heiser erhoben haben.
31.10.  

Statt vehement gegen die Medienkampagne vorzugehen, lobt Heisers Anwalt Carsten Hoenig in einem Blogbeitrag Kaul und Erb für ihren Bericht vom 28.10.: "Soweit mir überhaupt die Beurteilung einer journalistischen Arbeit zusteht, meine ich, daß es Sebastian Erb, Redakteur der taz (gemeinsam mit Martin Kaul), ganz gut gelungen ist, in seinem Artikel über die sogenannte „Keylogger-Affäre“ am vergangenen Wochenende seine verschiedenen Rollen auseinander zu halten und seinen Job zu machen – als recherchierender Journalist, wie er mir zusicherte."

2017
16.1.   Martin Kaul und Sebastian Erb berichten für die taz, dass Heiser in Abwesenheit per Strafbefehl zu einer Geldstrafe von 6.400 Euro verurteilt wurde.
17.2.   Wiederum Kaul und Erb berichten für die taz, dass der Strafbefehl inzwischen rechtskräftig geworden sei. Heiser sei nun vorbestraft.
8.8.   Anfragen an Beteiligte und Autoren, die über die "Keylogger-Affäre" berichtet haben.
9.8.   Jörn Kabisch antwortet mit diesem Link auf den taz-Bericht über die Verurteilung Heisers.
10.8.   Der Anwalt Carsten Hoenig verweigert jegliche Auskunft und die Weiterleitung einer Nachricht an Heiser. Er will auch nicht mitteilen, ob Heiser seiner Kenntnis nach noch lebt.
16.8.  

Martin Kaul teilt mit: "Wir haben nichts erfunden". Gemeint ist offenbar seine Berichterstattung für die taz. Jeglichen weiteren Austausch zur Sache lehnt er ab.

20.8.  

Martin Kaul lehnt nochmals Auskünfte zur Sache und die Weiterleitung einer Nachricht an Heiser ab: "Es ist nicht unsere Angelegenheit, von wem Sebastian Heiser sich kontaktieren lassen möchte und von wem nicht". Er verweist auf die Verurteilung Heisers.

29.8.  

Noch immer liegt seit 18.2.2015 keine öffentliche oder persönliche Mitteilung von Sebastian Heiser vor. Die Homepage ist unverändert abrufbar. Das Impressum nennt noch Heisers alte Berliner Adresse.

   

Es wird Strafanzeige gegen Unbekannt, Martin Kaul und Sebastian Erb erstattet.

5.9.  

Auf Anfragen haben bisher unter anderen nicht geantwortet: Robin Alexander, Silke Burmester, Sebastian Erb, Katrin Gottschalk, Barbara Junge, Markus Kompa, Wolfgang Krach, Volker Lilienthal, Georg Löwisch, Wolfgang Michal, Ulf Poschardt, Lou Zucker.

 

6.9.2017 / Letzte Änderung: 11.9.2017

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